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Zehn-Minuten-Rede
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Die "Zehn-Minuten-Rede" hat der Schriftsteller Hans Bender am 11. Dezember 1971 in seinem Geburtsort Mühlhausen zur Eröffnung eines neuen Schulhauses gehalten.
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Ich erlebe seltsame Minuten. Ich bin eben angekommen in dem Dorf, in dem ich geboren bin: am 1. Juli 1919. Das Datum sagt es: Ich habe schon den größten Teil des Lebens hinter mir - obgleich ich mich so alt gar nicht fühle - , und ich darf hier zum erstenmal auftreten: "offiziell", wie man sagt. Auf Einladung des Bürgermeisters. Zehn Minuten soll ich reden, schrieb er mir in seinem Brief vom 10. November.
Der Anlaß: Mühlhausen hat eine neue Schule gebaut. Im Stil unserer Tage: zweckmäßig und kubisch, mit viel Glas und Beton. Schon der Platz, den man für den Neubau ausgesucht hat, sagt etwas aus über die Zeit und über die Jahre, die vergangen sind. Von früher her gesehen liegt die neue Schule weit außerhalb des Dorfes. Hier war damals ein idyllischer Winkel: Wiesen, der Waldrand, die Lehmgrube. Die Lehmgrube umschloß einen Teich, auf dem wir Buben im Winter, wenn er zugefroren war, Schlittschuh liefen. Im Sommer schlängelten sich Ringelnattern durchs Wasser, und die Frösche hüpften ins Schilf, wenn sich Schritte näherten. Viele Frösche. Sie quakten verliebt an den Maiabenden, und ich konnte sie in meinem Schlafzimmer, wenn ich viel zu früh zu Bett mußte, hören. Froschgequak und Mainächte sind für mir seitdem eine sogenannte Assoziation.
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Der Schriftsteller Hans Bender bei seiner Ansprache zur Einweihung der neuen Schule am 11. Dezember 1971
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Die Lage des neuen Schulgebäudes sagt also: Das Dorf hat sich ausgedehnt. Es zählt über tausend Einwohner mehr. Es hat Vorgänge gegeben, weshalb neue Bewohner zuziehen mußten. Sie kamen als Fremde, mit anderen Namen, anderen Gesichtszügen, anderen Dialekten. Sie kamen als Flüchtlinge und Vertriebene. Sie hatten ihre Wohnungen und Häuser verloren. Grund genug, den Zuzug nie unfreundlich zu registrieren. Es wäre schön, diese neuen Bewohner würden sich hier schon ganz heimisch fühlen. So werden vor allem die denken, die selber einmal aus Mühlhausen weggegangen sind. Nur haben sie den Vorteil: sie können immer wieder zurückkehren. Ihr Dorf hat sich zwar gestreckt, aber irgendwie ist es doch das gleiche, alte und vertraute geblieben.
In dem Buch "Mühlhausen im Kraichgau", das mir der Bürgermeister ebenfalls nach Köln geschickt hat, sind die Schulhäuser, die es vor diesem gegeben hat, auf Fotografien zu sehen. Auf Seite 154 "Das gemeinsame Rat- und Schulhaus von 1787/89". Betrachter heute werden sich entrüsten oder lächeln über diesen kläglichen Bau. Zu Recht. Zu sehen sind auch die beiden Fenster im Erdgeschoß, Richtung Norden, zur Bahnlinie Walldorf - Waldangelloch hin gelegen. Sie erinnern mich an eine Schulstunde der Erstkläßler 1926. Lehrer Kuhn war gerade nicht im Klassenzimmer, als der Halbdreiuhrzug vorbeischnaufte. Einige Mädchen und Jungen, darunter auch ich, waren zu diesen Fenstern gelaufen und hatten den Leuten in den Coupés zugewinkt und zugerufen. Im gleichen Moment kam Lehrer Kuhn zurück. Die Mädchen bekamen Tatzen auf die hingehaltenen Fingerkuppen, und uns Jungen ließ er den Rohrstock auf die gespannten Hosenböden niedersausen. Das war keine gerechte Strafe. Wir wurden für unsere Natur bestraft. Kinder freuen sich, wenn etwas vorüberfährt. Wir verschafften uns Bewegung. Wir übten eigentlich unsere Menschen-
freundlichkeit. Aber nach der Schulregel hatten wir uns vergangen: wir hatten die Plätze verlassen, die Symmetrie, die vorgeschrieben war, zerstört.
Man sagt: schlechte Erfahrungen behält man eher. Ich habe trotzdem auch angenehme, lehrreiche erste Schulstunden bei Lehrer Kuhn behalten. Er konnte spannend die Geschichten aus der Bibel nacherzählen, und er zeigte uns dazu Farbtafeln, auf denen zu sehen war, wie Noah die Tiere in die Arche verfrachtete.
Wir waren noch nicht verwöhnt von Film und Fernsehen.
In das andere, das zweite Schulhaus, kam ich in der dritten Klasse. 1903 erbaut. Im Gründerstil, im Jahrhundertwendestil, jedoch nicht wie in Frankfurt oder Berlin, sondern wie auf einem Dorf eben. Ein geräumigeres Schulhaus auf jeden Fall als das alte. Hohe Fenster, von Sandsteingewänden eingefaßt, autoritäre Treppen und Flure. Vor der Sonne schützten schwarzweiß gestreifte Vorhänge, die wahrscheinlich eine preußische Atmosphäre vermitteln sollten. Bauten werden bestimmt vom Geist, der waltet. Diese zweite Schule hatte tatsächlich etwas von der Aura des Kaisers mit den hochgezwirbelten Schnurrbartspitzen. Der Säbelrassler, der Beleidiger der Welt. Über ihn hat man in meiner Kindheit jedoch kaum mehr gesprochen. Meine Volksschulzeit fiel in die Atmosphäre der Weimarer Republik. Vielleicht war Oberlehrer Lämmlein ein typischer Vertreter dieser Zeit?
Im Schulhof hielt er Hühner, aber auch Truthennen und einen Truthahn, den wir Schüler ärgerten. Er blähte dann seine violett-roten Wülste auf, stemmte die Flügel in den Sand und ging zum Angriff über. Oberlehrer Lämmlein schickte besonders intelligente Schüler im März auf die Wiesen, um für seine Frau, die oben im ersten Stock wohnte, wilden Feldsalat zu pflücken. Mich hat er einmal während der Stunde nach Hause geschickt, weil ich noch keinen Morgenkaffee getrunken hatte.
Kein Fach hatte Oberlehrer Lämmlein, der auch der Organist der Kirche war, lieber als Gesang. Am Samstagmorgen, wenn er die dritte und die achte Klasse gleichzeitig und im gleichen Klassenzimmer unterrichtete, mußten wir vierstimmig zusammen singen. Die Fenster wurden geöffnet, und unsere Chöre schallten über das halbe Dorf.
In der fünften Klasse kam ich zu einer Lehrerin, die den gleichen Namen hatte wie ich. Sie hat mich deshalb nicht bevorzugt. Im Stockwerk darüber unterrichtete Lehrer Ritzi, von dem alle mit Respekt sprachen. In seine Klasse bin ich nicht gekommen. Ich kannte ihn jedoch als Regisseur von Opern und Theaterstücken in der Bernhardushalle. Er und Pfarrer Sommer haben mir so erste Eindrücke vermittelt von Künsten, die später zu Inhalten meines Berufes wurden.
Im Frühjahr 1931 ging ich weg, ins Internat. Der Geburtsort wurde für mich ein Aufenthalt für Ferien, für Urlaub, für immer spärlichere Besuche. Ich wurde getrennt von einer Gemeinschaft; von Kindern, mit denen ich gespielt hatte, mit denen ich zu den Jahrmärkten der Nachbardörfer und zu den Weihnachtskrippen gepilgert war. Ich hatte ihre Elternhäuser kennengelernt. Sie übten auf mich, weil sie anders waren als mein Elternhaus, einen eigentümlichen Zauber aus. Unter ihren Vätern war ein Schmied, ein Zigarrenarbeiter, ein Landwirt, ein Totengräber. Es gab Arbeitslose, die stempeln gingen; viele Parteien, etwa dreißig. Unruhe, Unzufriedene. Betrunkene, Messerstecher, Nachbarhändel. Die Vertreter einer Partei fielen immer mehr auf durch ihre Großsprecherei und ihrer frechen Arroganz.
Auch der Beruf, den ich gewählt habe, hat mich vom Dorf getrennt. Seinetwegen habe ich mich, gerade zu Hause, immer etwas geniert. Ein Arzt, ein Ingenieur, ein Architekt hat mehr Ansehen, weil man sich vorstellen kann, was er zustandebringt und was er damit verdient. Pfarrer Sommer habe ich einmal - auf der Haltestelle hinter unserem Haus - gesagt: "Ich will Schriftsteller werden". Er hat mir wenig Mut gemacht. Er meinte: "Ein Schriftsteller aus Mühlhausen, wo die Leute nicht mal Hochdeutsch reden können..."
Ein paar Geschichten belegen es: Ich habe meinen Geburtsort nicht vergessen. Ich habe seine Umgebung und seine Einwohner als Figuren verwertet. Unser Dorf ist mir immer als besonders friedlich, glücklich erschienen. So wie man überhaupt später zu seiner Kindheit zurückblickt. Es hat mit dem Charakter der Umgebung zu tun: dieses Hügelland, auf dem Weinstöcke und Obstbäume gedeihen. Ein Tabak- und früher auch Hopfenland. Die lichten Mischwälder mit Ihren Buchen, Lärchen und Fichten. Friedrich Ratzel, ein berühmter Geograph des vorigen Jahrhunderts, in Karlsruhe geboren, in Eichtersheim als Apotherkerlehrling tätig, hat in seinen "Jugenderinnerrungen" ein empfindsames Kapitel über das "wellige Hügelland" des Kraichgaus und die überraschenden Eindrücke, die es vermitteln kann, geschrieben. Eine Landschaft ohne Dramatik, sollte man meinen.
Es gab auch hier unerfreuliche Ereignisse, und weil sie in Festreden meist wegfallen, will ich sie erst recht erwähnen. Die Jahre zwischen 1933 und 1945. Der Krieg spielte sich zunächst in weiten Fernen ab - aber in immer dichterer Folge brachte der Briefträger die Todesnachrichten in die Häuser. In den Nächten sah man von den Dachfenstern aus, wie der Himmel über Mannheim und Heilbronn sich rötete, und man konnte sich vorstellen, was dort an Schrecklichem vor sich ging. 1945, als ich zum letzten Mal in Urlaub hier war, hielt mich Herr Wormer, unser Bankdirektor, an und sagte: "Paß auf, die bist der letzte, der noch lebt." Er meinte: der letzte der Abiturienten aus Mühlhausen. Aber im Krieg müssen nicht nur Abiturienten sterben. Zusammengezählt: 114 junge und nicht mehr so junge Männer, die heute noch unter uns leben könnten.
Zuletzt ereignete sich etwas, was nun in der gedruckten Geschichte von Mühlhausen verzeichnet steht. Ein Soldat hatte sich im Östringer Wald versteckt. Er wurde aufgespürt. Er wurde oben neben dem Friedhof an einen Pfahl gefesselt und erschossen. Im Geschichtsbuch steht: er sei "desertiert", und er sei "nach dem damaligen Kriegsrecht" erschossen worden. Ich hoffe, die Leute heute legen diese Wörter anders aus. Das "Kriegsrecht" war längst ungültig, unmenschlich geworden. Die Erschießung fand statt am Gründonnerstag 1945, also einen Tag, bevor die Alliierten einrückten und der Nazi-Diktatur endlich den Garaus machten. Warum hat sich unter dieser fanatischen und bornierten Eskorte nicht ein einziger gefunden, der zu sagen gewagt hätte: Wir sind verrückt. Schluß. Es geht um ein Menschenleben!
Es ist gar nicht so gewaltsam, von dieser düsteren Epoche überzuleiten zu einer Schule. Zu Erwägungen über eine Schule. Der Vorgang nämlich hat letztlich mit der Frage zu tun: worauf soll eine Schule Kinder und junge Menschen vorbereiten?
Ich spreche nicht ohne Beziehung zur Schule. Als Schriftsteller habe ich einen dauernden Kontakt mit ihr. Bevor ich in mein Heimatdorf eingeladen wurde, war ich Gast in vielen Schulen, Gymnasien und Universitäten anderer Länder. Zuletzt in den USA, in Australien und Neuseeland. Diese Einladungen haben mit meinen Geschichten zu tun. Schüler hier und draußen lesen sie, um mit ihnen unsere Sprache zu erlernen. Sie nehmen sie als Beispiele für Interpretationen, oder einfach zur Orientierung über deutsche Menschen und Zustände.
Manchmal schreiben mir die Schüler auch Briefe, und sie fragen mich, was ich ihnen zu meinen Geschichten und darüber hinaus zu sagen habe. Die Fragen beweisen: Die Schüler wollen sich Klarheit verschaffen über die Vorgänge früher. Schüler eines Gymnasiums in Duisburg haben meinen Antwortbrief drucken lassen. Ich habe in diesem Brief zu sagen versucht, was die Literatur, Schülern lehren soll und kann. Sie soll lehren, habe ich geschrieben, "menschenwürdig zu leben, zu denken, zu handeln - anders als es der Staat, die Kirche, die Gesetze und die Konventionen lehren: radikaler, ehrlicher, freier; aus eigener Verantwortung":
Das kann ich wiederholen. Ich möchte aber auch noch etwas hinzufügen, speziell zu diesem Anlaß heute.
Bauten werden bestimmt vom Geist, der waltet, habe ich am Anfang gesagt. 1971, für dieses neue, dritte Schulhaus, wäre es also demokratischer Geist, mit dem wir, mehr oder weniger, zufrieden sein können. Wir - ich meine die Davongekommenen meiner Generation - sehen Demokratie vor allem als einen Gewinn zur Vergangenheit davor. Aber das allein wäre zu wenig.
Innerhalb der Umrisse einer Demokratie hat jeder einzelne zudem die Möglichkeit, mutiger, unbequemer, offener zu sein als die meisten anderen - die Mehrheit und die Masse - es sein wollen. Weil ich ein Schriftsteller bin, darf ich noch weiter gehen als die anderen Redner vor mir. Es gibt, auch in der Demokratie, Situationen, in denen wir uns sehr weit entfernen müssen von den Ordnungen, Symmetrien, Pflichten, Verabredungen, auf die ich in meinen teils komischen, teils ernsten Erfahrungen zu sprechen gekommen bin.
Früher war im Ausdruck "Über die Stränge hauen" vor allem doch ein Vergehen mitgemeint. Diese Negation sollte verschwinden, wenn jemand über die Stränge haut, um etwas zu bewirken, wozu die anderen nicht die Aktivität oder die Zivilcourage haben. Unsere Väter und Großväter sprachen uns als tradierte Volksweisheit die Lebensregel vor: "Man soll mit den Wölfen heulen" - und leider haben sie´s zum größten Teil auch getan. Ich rate Lehrern und Schülern und allen anderen: genau das Gegenteil zu tun. Lehrer und Schüler mögen in diesem neuen Haus vom ersten Tag an Demokratie in ihrer freiesten Möglichkeit riskieren!
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Aus dem Heimatbuch Mühlhausen; 1200 Jahre Mühlhausen im Kraichgau
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